Blume des Jahres 1996
Von der Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen wurde zur Blume des Jahres 1996 die
Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris)
ausgewählt.
Beschreibung:
Die Küchenschelle auch Steppen-Kuhschelle oder Gewöhnliche Küchenschelle genannt, gehört zur Familie der Hahnenfußgewächsen.
Die 5-50 cm hoch werdende Staude blüht von April bis Mai. Aus fiederspaltigen Grundblättern erhebt sich der Stiel, der über
drei ebenfalls fiederspaltigen Hochblättern nur eine einzige Blüte trägt. Stiel, Hochblätter und die Außenseite der
Kelchblätter sind zum Schutz gegen Verdunstung mit langen, feinen Haaren besetzt. Nach der Blüte bildet die Küchenschelle
einen attraktiven Samenstand aus, der aus vielen kleinen, mit einem Federschweif versehenen Früchten besteht. Dieser Schweif
dient der Verbreitung der Früchte durch den Wind. Im Schwebflug können sie bis zu 80m weit fliegen. Treffen sie dann auf
offenen Boden, so können sich die Samen durch hygroskopische Bewegungen mit ihrer Spitze in die Erde einbohren.
So wie es die Haare als Verdunstungsschutz der Pflanze ermöglichen, längere Trockenperioden zu überstehen, so trägt auch das
Wurzelwerk dazu bei, an trockenen Standorten zu überleben. Ihr Wurzelsystem kann bis in eine Tiefe von 1,5 m reichen und somit
Wasserreserven nutzen, die für andere Pflanzen nicht mehr erreichbar sind.
Die ganze Pflanze ist giftig. Ihre Inhaltsstoffe (Anemonin) können zu Kreislauf- und Atemlähmung führen. Medizinisch verwendet
wird sie in Heilkräutertees gegen hormonelle Störungen bei Frauen und gegen Erkältungskrankheiten sowie in der Homöopathie.
Name:
Der Name Küchenschelle oder Kuhschelle bezieht sich auf die Form der Blüte, bei denen sechs zipfelförmige Blütenblätter eine heilviolette Glocke oder Schelle bilden, die an eine Kuhglocke erinnert. Im Gegensatz zu anderen Arten der Gattung Pulsatilla, die nickende Blüten besitzen, stehen die Blüten der Echten Küchenschelle aufrecht.
Herkunft:
Die Echte Küchenschelle kommt zerstreut in Mitteleuropa vor, fehlt aber in den Alpen. Ihre nördliche Verbreitungsgrenze
liegt in England und Südskandinavien. Im Osten dringt sie bis in die Ukraine vor, im Westen bis Nordfrankreich. Die Südgrenze
ihrer Verbreitung liegt in der Nordschweiz und in Slowenien. Sie liebt einen sandigen, kalkhaltigen Boden und hat daher in
Deutschland ihr Hauptverbreitungsgebiet auf den Kalkgesteinen der Mittelgebirge. In der Norddeutschen Tiefebene ist sie sehr
selten und dort nur auf mergelhaltigen, kiesigen Böden der Endmoränen anzutreffen.
Gefährdung:
Gefährdet ist die auf trockene Magerrasen und Licht angewiesene Küchenschelle einerseits durch Nährstoffeintrag, andererseits durch Aufgabe der Nutzung durch extensive Beweidung oder Mahd. Als konkurrenzschwache Art verschwindet sie von ihrem Standort, wenn sie durch aufkommende Gehölze beschattet oder von stark wachsenden Gräsern unterdrückt wird. Besonders in Norddeutschland ist bei der Küchenschelle ein extremer Bestandsrückgang zu verzeichnen. Seit der Wende sind die Populationen in den neuen norddeutschen Bundesländern zusätzlich zur bestehenden einer besonderen Gefährdung ausgesetzt, nämlich durch Abbau ihrer Standorte zur Kies- und Sandgewinnung.
Projekte:
Für das Jahr der Küchenschelle hat die Stiftung mehrere neue Naturschutzprojekte vorgesehen. So wurde im Drawehn (Nord-Ost-Niedersachsen) eine größere Sandackerbrache erworben, um kleine Restbestände der Küchenschelle durch Biotopmanagement und Aussaat zu vermehren. In West-Brandenburg will sich die Stiftung auf den berühmten Weinbergen bei Perleberg in der Prignitz einem aus Kiesen und Gletschersanden gebildeten Höhenzug (Os) von ungewöhnlicher Ausdehnung, ebenfalls Biotoppflege und Aussaatversuche unterstützen. Bereits vor einigen Jahren wurden Kalkmagerrasen im Seidenbachtal bei Blankenheirn in der Eifel (Nordrhein-Westfalen) angekauft, auf den die Echte Küchenschelle neben vielen Orchideen und Enzianen als Charakterart vertreten ist. Diese Flächen werden durch die Universität Bonn betreut und sind mehrfach wissenschaftliches Untersuchungsobjekt gewesen. Auch auf dem Botanischen Lehrpfad bei Königstein in der Frankenalp (Bayern), einem bereits seit 1981 erfolgreich betreuten Projekt des Gartenbauvereins Königstein, gehört die Küchenschelle zum Inventar der Trockenrasen und wird hier durch späte Mahd gepflegt.
Gartenpflanze:
Die Küchenschelle ist auch eine beliebte Gartenpflanze, die sich besonders in Steingärten gut einfügt. Sie wurde daher früher leider oft am natürlichen Standort ausgegraben. Ausgraben, aber auch Pflücken, bedeuten schwere Beeinträchtigungen für den Bestand und sind durch die Bundesartenschutzverordnung verboten. Dem Gartenbesitzer wird jedoch die Küchenschelle von gut sortierten Staudengärtnereien sowohl in der Wildform als auch in züchterisch veränderten Sorten mit größeren Blüten oder anderen Farben als die Wildform (dunkelviolett oder weiß) angeboten.
© Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung Loki Schmidt
Wartung und Pflege HM * Letzte Änderung am 06.04.2006