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Rede von Loki Schmidt zur Blume des Jahres 2004

Loki Schmidt

Zur Blume des Jahres 2004 hat die Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen das Echte Alpenglöckchen (Soldanella alpina) gewählt, um auf die bedrohte Urlandschaft Hochgebirge aufmerksam zu machen.

Die Pflanzen in diesem Lebensraum sind Kälte, starker Sonneneinstrahlung, auch mit UV-Licht, und Austrocknung durch heftige Winde ausgesetzt und besonders angepasst, um zu überleben. Einige haben kleine, harte Blätter, andere schützen sich durch dichte Behaarung. Das bekannteste Beispiel ist wohl das Edelweiß mit seinen weißfilzigen Blütenblättern. Vor Jahren kaufte ich in einer Staudengärtnerei kleine Edelweiß-Pflanzen und setzte sie in Langenhorn, hier in Hamburg, in den Garten. Sie gediehen gut, machten Knospen und blühten sehr üppig –aber enttäuschend- in grün. Bei mir standen sie recht geschützt 30 m über Meereshöhe, in ihrer Heimat (1.500 m – 2.000m üNN) müssen sie sich an das o.g. Klima anpassen.

Außer den Hochmooren, die erst nach der letzten Eiszeit entstanden, sind die Alpen und die anderen europäischen Gebirge die letzten Lebensräume alter Naturlandschaften im Gegensatz zu den Kulturlandschaften, die es hier in Mitteleuropa gibt, und die durch die Bewirtschaftung des Menschen entstanden.

Ich entdeckte das Alpenglöckchen vor Jahren an einem Apriltag oberhalb des Tegernsees, als ich durch dickem, schmelzenden Schnee stapfte. Plötzlich leuchteten violett-blaue Blütchen aus dem Schnee. Ich hatte den Eindruck, dass die zarten Glöckchen sogar die letzten Schneereste hochgeschoben hatten. Das war ein unvergesslicher Anblick.

Das Alpenglöckchen –oder Soldanelle- gehört zu den Schlüsselblumengewächsen, den Primulaceen. Das kann man im ersten Augenblick kaum erkennen. Es ist ein kleines 5 – 15 cm hohes Pflänzchen mit rundlich nierenförmigen Blättern. Die grundständigen Blätter sind ledrig, um sie gegen Verdunstung zu schützen. Auf den blattlosen, rotbraunen Stengeln sitzen 1 - 3 weit offene, tief gefranste veilchenblaue bis violette Glöckchen, aus denen der gelbliche Griffel weit herausragt. Das Alpenglöckchen gehört zur Flora des schmelzenden Schnees und blüht deshalb je nach Höhenlage unterschiedlich zwischen April bis Juni. Man findet es auf feuchten Weiden auf kalkreichem Untergrund. Es wächst aber auch in Gletscherweidengebüschen und sogar in lichten Bergwäldern zwischen 1.200 und 2.800 m Höhe. Durch seine immergrünen Blätter und seine im Vorjahr vorgebildeten Blüten ist es an die lange Schneebedeckung gut angepasst.

Wie alle auffallenden Pflanzen hat das Echte Alpenglöckchen viele volkstümliche Namen, die sich entweder nach der Glockenform der Blüte oder nach der Blütezeit zur Schneeschmelze richten: Es heißt auch Almglöckel, Eisglöckchen, blaues Schneeglöckel, Schneenagele. Ich nenne es Soldanelle, obwohl ich gelernt habe, dass es noch sechs weitere Soldanellen gibt, die aber noch kleiner im Wuchs und schwer zu unterscheiden sind.

Das Alpenglöckchen ist in allen europäischen Gebirgen von den Pyrenäen über Schwarzwald, Jura, Alpen und Apennin weit verbreitet.

Soldanellen haben sich aus tertiären, das heißt voreiszeitlichen Waldprimeln entwickelt. Sie haben sich bei der langsamen Hebung der Gebirge allmählich an das veränderte Klima angepasst. Das Alpenglöckchen hat auch wegen der Anpassung an Höhenunterschiede (900 – 3000 m) die Eiszeit gut überstanden.

Das Alpenglöckchen und sein Lebensraum sind seit Jahrzehnten gefährdet durch den sich immer stärker ausbreitenden Skibetrieb und sommerlichen Tourismus.


 

© Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung Loki Schmidt
Wartung und Pflege HM  *  Letzte Änderung am 06.04.2006