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Rede von Loki Schmidt zur Blume des Jahres 2008

Meine Damen und Herren,
Sie müssen sich heute zuerst eine kleine Geschichte anhören, die zu der Blume des Jahres 2008 gehört.
Bisher haben wir von der Stiftung mit jeder Blume des Jahres einen bedrohten Lebensraum in unserem Land vorgestellt. Das waren vor allem Moore, Trockenrasen und unterschiedliche Feuchtwiesen.

Loki Schmidt

Die Blume des Jahres 2008 gehört in eine Pflanzengesellschaft, die es in Deutschland mehrere tausend Jahre gab, die aber inzwischen so gut wie verschwunden ist. Es ist die dörfliche Unkrautflora. Das ist eine Pflanzengesellschaft, die sich den besonderen Lebensbedingungen in menschlichen Dörfern und Siedlungen angepasst hatte. Aber wie haben sich die Lebensbedingungen - auch für Pflanzen - in den Dörfern in den letzten 50 Jahren nach dem Ende des Krieges verändert! Hofplätze und Wege sind asphaltiert oder gepflastert. Hühner, Enten, Gänse und Schweine laufen nicht mehr frei auf der Straße herum. Es gibt kaum noch Misthaufen. Dadurch werden die Wege und die unmittelbare Umgebung der Häuser und Ställe nicht mehr mit stickstoffhaltigem Dünger versorgt. Stattdessen hieß es schon in den 50er, 60er Jahren: "Unser Dorf soll schöner werden."


Die Unkrautflora - manche Pflanze wurde früher als Heilkraut benutzt - verschwand. Leider auch manche alte Gartenpflanze. Stattdessen gab es um die Bauernhäuser Rosenbeete und Rasen. Hier ist allerdings in den letzten Jahren ein Wandel eingetreten. Alte Gartenanlagen mit Pflanzen, die früher zu einem Bauerngarten gehörten, sieht man inzwischen auch wieder in Städtischen Gärten. Die alte dörfliche Unkrautflora aber bleibt verschwunden. Keine Landwirtsfamilie möchte mehr mit den hygienischen Verhältnissen von vor über 100 Jahren leben. Nur in Museumsdörfern kann die interessante Dorfflora, die ja ein Teil unserer Geschichte ist, heute - mit etwas Mühe - weiterhin kultiviert und damit erhalten werden.


Es gibt inzwischen in fast allen europäischen Ländern - auch in Osteuropa - Museumsdörfer, die nicht nur alte Bauernhäuser, Ställe, Speicher und Misthaufen bewahren, sondern auch die dazugehörige Flora. Etwas abseits von Häusern und Ställen gab es früher am Rande der Siedlungen etwas trockenere Flächen, Schuttplätze und Wegränder. Wo es diese noch gibt, findet man auf kalkigem Untergrund die "Nickende Distel", Carduus nutans, die die Stiftung zur Blume des Jahres 2008 erwählt hat.


Loki Schmidt

Die "Nickende Distel" ist zweijährig. Im ersten Jahr wächst nur eine Rosette von buchtig gezähnten bis fiederspaltigen Blättern mit starken Dornspitzen. Im nächsten Jahr erhebt sich aus der Mitte der Blütenstand, der über 1m hoch werden kann. An der Spitze des oben filzigen oder spinnwebig überzogenen Stengels sitzt nur eine nickende Blüte von etwa 3cm Durchmesser. Die Blütenblätter sind purpurrot. Die grünen Hüllblätter sind lang dornspitzig und meist zurückgebogen und umrahmen den roten Blütenkopf sehr dekorativ. Die Blüten duften moschusähnlich. Daher wurden die Pflanzen früher auch Bisam-Distel genannt.


Die "Nickende Distel" ist als Pflanze in Gärtnereien wohl kaum zu finden. Wer diese besonders ansehnliche Distel, die im Sommer auch viele Insekten und Schmetterlinge anzieht, in seinem Garten haben möchte, könnte sich für Samen an ein Museumsdorf in der Nähe oder an die Stiftung wenden.


 

© Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung Loki Schmidt
Wartung und Pflege HM  *  Letzte Änderung am 11.10.2007