Rede zur Vorstellung der Blume des Jahres 2011 verfasst von Loki Schmidt
Vorgetragen am 21. Okt. 2010 im Naturschutzhaus-Informationshaus Fischbeker Heide durch den Vorsitzenden des Stiftungsrats Senator a.D. Wolfgang Curilla
Meine Damen und Herren,
die Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung Loki Schmidt zum Schutze gefährdeter
Pflanzen hat als Blume des Jahres 2011 die Moorlilie oder auch Beinbrech, (Narthecium ossifragum)
ausgewählt.
Die Moorlilie ist eine bundesweit gefährdete Pflanzenart, die nach der
Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt ist. Mit der Wahl möchte die
Stiftung den gefährdeten Lebensraum der Moorlilie, das Moor, ins öffentliche
Bewusstsein rücken. Zugleich soll damit vor allem für die spezielle Moorflora
und damit die Erhaltung und Renaturierung von Mooren geworben werden.
Moore sind ganzjährig nasse Lebensräume. Ihre größte Verbreitung haben sie deshalb bei uns im westlichen, atlantisch geprägten, regenreichen norddeutschen Flachland, genau wie die Moorlilie. Die größte Gefahr für Moorgebiete ist ihre Entwässerung. Denn damit verändert sich neben dem Wasser- auch der Nährstoffhaushalt, andere Pflanzen wandern ins Moor ein und verdrängen die speziellen Hochmoorpflanzen, zu denen auch die Moorlilie gehört. Jede wirtschaftliche Nutzung der Moorgebiete ist mit ihrer Entwässerung verbunden und wirkt sich entsprechend negativ aus. Das gilt auch für die Landwirtschaft. Deshalb sollten besonders Moore sich selbst überlassen werden. Das bedeutet, dass Entwässerungen gestoppt werden müssen und das Wasser im Moor gehalten werden muss. Dann kann das Moor wieder zu wachsen und neuer Torf gebildet werden.
Ein weiterer guter Grund für den Schutz der Moore kommt noch hinzu: Moorschutz ist auch Klimaschutz. Im Torfboden des Moores wurden in tausenden Jahren große Mengen Kohlenstoff festgelegt. Werden Moore entwässert oder bewirtschaftet, gelangt der Kohlenstoff als Kohlendioxid in die Atmosphäre und belastet unser Klima.
Die Mitbegründerin der Stiftung, Loki Schmidt, die noch heute im Vorstand ihrer Stiftung arbeitet, kann leider aus gesundheitlichen Gründen
nicht an der Vorstellung der Blume des Jahres 2011 teilnehmen. Sie hat uns folgendes
aufgeschrieben:
"Als ich erfuhr, welche Pflanze ausgewählt wurde, habe ich mich sehr gefreut.
Warum ich mich so gefreut habe, will ich Ihnen verraten. Ich kenne diese Pflanze seit über 80
Jahren und habe sie damals als Kind etwa 10 Min. von uns hier in einem Moorloch entdeckt.
Damals gab es hier auf der Höhe kaum Häuser. Wir Kinder waren in den Schulferien immer hier
in Fischbek-Neugraben bei unseren Großeltern, die sich 1908 unten in der Heide ein großes
Grundstück gekauft hatten. 2 Pfennig pro qm - wie mein Großvater mir mal erzählte. Die Bauern
in Fischbek und Neugraben konnten mit dem mageren Heideboden wenig anfangen. Es gab in der
Nähe der Dörfer einige Buchweizenfelder. Manchmal säte auch ein Bauer gelbe Lupinen, die
untergepflügt wurden, um den Boden etwas zu verbessern.
Bienen wie in der südlichen Heide wurden hier kaum gehalten. In den 30er Jahren entstand
hier in der Nähe ein Segelflugplatz. Es gab eine Art Jugendherberge mit dem schönen Namen
"Mudder Rieck", in der mein Mann und ich als Klassenkameraden 1930 unsere erste
"Klassenreise" machten. Aber fast genug Vergangenheit. Ich wollte nur deutlich machen,
dass mir dieser nördliche Zipfel der Lüneburger Heide seit vielen Jahrzehnten vertraut
ist - und die Pflanzenwelt hier natürlich auch.
Denn 1930 machte ich meine Jahresarbeit - jeder in der Klasse über ein selbstgewähltes Thema -
natürlich über die Pflanzen eines kleinen Hochmoores hier ganz in der Nähe. Das Wort
"Biotop" gab es noch nicht. Aber es war eine sorgfältige Beschreibung aller Pflanzen
in dem kleinen Moor und meine Zeichnungen dazu. Außer dem abenteuerlichen
insektenfangenden Sonnentau war für mich die schönste Pflanze "die Blume des Jahres 2011",
der Beinbrech oder auch Moorlilie. Den poetischen Namen "Moorlilie" habe ich
erst kürzlich von den Mitgliedern des Stiftungsvorstandes kennengelernt.
Was ist nun von der Blume des Jahres 2011, dem Beinbrech oder der Moorlilie, zu berichten:
Sie hat schmale, schwertförmige, grundständige Blätter. Sie wird 10 cm - 30 cm hoch
zur Blütenzeit. Der Stengel hat kleine bräunliche Blätter und trägt eine dicke Traube
von Blüten. Die 6 Kronblätter sind von außen grün, innen aber leuchtend gelb. Manchmal
sind die Staubgefäße beinahe orange. Die Blüten duften stark würzig, wenn sie im Juli
und August blühen. Beinbrech oder Moorlilie ist giftig. Sie kommt nur in Norddeutschland
und Mitteldeutschland vor. Ich kenne in Hamburgs Umgebung noch mehrere Standorte. Einige
Pflanzen wachsen auch in der Nähe unserer Wohnung im Nordosten Hamburgs."
So weit Loki Schmidt.
Die Pflanze galt lange als Lilienart. Heute wird sie zu den Germergewächsen
gerechnet. Der Name Beinbrech rührt daher, dass die Moorlilie früher für Knochenbrüche
beim Weidevieh verantwortlich gemacht wurde. Diese angebliche Knochenerweichung des
Viehs erklärt sich daraus, dass das Futter auf den Heidemooren arm an Kalk ist, wodurch
Knochenerweichung bei Weidetieren hervorgerufen werden
kann. Eine andere Auslegung begründet den Namen damit, dass der Beinbrech in sehr nassen,
tiefgründigen Stellen wächst, wo das Vieh leicht einbrach. Eine weitere Erklärung besagt
genau das Gegenteil: Dass mit einer Salbe aus Beinbrech Knochenbrüche geheilt wurden.
Moore finden sich in Hamburg vor allem im Nordwesten und Norden sowie am südlichen Rand
des Elbtals. Entwässerung, Torfabbau, landwirtschaftliche und andere Nutzungen haben einen
großen Teil dieser Moore zerstört. Man geht davon aus, dass von ehemals 48 Quadratkilometern
Hamburger Moorgebieten nur 3 (!) Quadratkilometer intaktes Moor erhalten geblieben sind.
Diese Reste sind inzwischen fast alle als Naturschutzgebiete geschützt. Von den 31
Hamburger Naturschutzgebieten sind immerhin 11 zumindest zum Teil Moorgebiete.
Bereits während meiner Amtszeit als Hamburger Umweltsenator von 1978 bis 1986
haben wir großen Wert auf den Moorschutz gelegt. Unter anderem haben wir fünf dieser
Flächen, das Stapelfelder Moor, das Wittmoor, das Schnaakenmoor, das Raakmoor und das
Eppendorfer Moor als Naturschutzgebiete ausgewiesen.
Aber nicht in allen Mooren ist die Moorlilie zu finden. Außer hier im
Naturschutzgebiet Fischbeker Heide kommt die Moorlilie auch im Raakmoor, im
Eppendorfer Moor, und in den Hummelsbütteler Mooren vor. Neben diesen
Gebieten gibt es einen weiteren Bestand im Poppenbüttler Graben, einem Bereich, der als
Naturdenkmal gesichert ist.
Natürlich dürfen wir nicht nur den Hamburger Raum betrachten. Die Moorlilie
kommt in Deutschland auch in Niedersachsen und Schleswig-Holstein in den Mooren im
atlantischen Klimabereich vor. Einzelvorkommen gibt es darüber hinaus in
Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz.
Es geht also um den bundesweiten Schutz der Moore.
Auch unsere Stiftung wirkt über die Grenzen der Stadt hinaus, indem sie zum Beispiel
bundesweit Grundstücke besitzt.
Die Moorlilie kann auch als Gartenpflanze kultiviert werden. Damit das gelingt, benötigt man kalkarmen, mineralstoffarmen, mageren Boden mit Sand oder Torf. Die Moorlilie muss dauerhaft sehr feucht gehalten werden. Sie sollte möglichst mit Regenwasser gegossen und nicht gedüngt werden. Allerdings haben sie nur wenige Staudengärtner in ihrem Sortiment. Auf keinen Fall sollten Moorlilien für gärtnerische Zwecke aus der Natur entnommen werden.
Im Jahr 2011 wollen wir uns besonders für die Erhaltung der Moorlilie an ihren wenigen verbliebenen natürlichen Standorten einsetzen, indem wir uns für den Schutz ihrer Lebensräume, der Moore, engagieren. Hierfür wirbt die Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung Loki Schmidt!
© Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung Loki Schmidt
Wartung und Pflege HM * Letzte Änderung am 21.10.2011