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Offenlandbiotope im Hamburger NSG "Boberger Niederung"

Probleme von Pflege und Erhaltung im norddeutschen Vergleich

Axel Jahn, Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen


Bericht von der Fachtagung des Botanischen Vereins zu Hamburg und der Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen im Naturschutz-Informationshaus "Boberger Niederung" am 21. September 2000
Insgesamt 36 Referenten und Interessierte aus Hamburg und ganz Norddeutschland erörterten und diskutierten einen Tag lang in Boberg die Frage, ob und wie die Trockenrasen, Heiden und orchideenreichen Staudenfluren des Hamburger Naturschutzgebietes am besten zu pflegen und zu erhalten sind. Im folgenden sollen einige wichtige Ergebnisse der Vorträge und Diskussionen kurz zusammengefasst werden.


Hans-Ulrich Höller, Hamburg, legte in seinem Vortrag zur Geschichte der Boberger Offenlandbiotope dar (vgl. auch HÖLLER 1998), dass die damals 15 bis 20 Meter hohe Boberger Düne in früherer Zeit bereits Wald getragen hat, der im frühen Mittelalter durch menschliche Tätigkeit zerstört wurde. In Folge der menschlichen Eingriffe breiteten sich auf den Waldstandorten wärmeliebende Pflanzengesellschaften der Sandmagerrasen aus. Typische Arten waren Koeleria glauca (Blaugrünes Schillergras, RL HH 1), Pulsatilla pratensis (Wiesen-Küchenschelle, RL HH 0), Helictrichon pratensis (Echter Wiesenhafer, RL HH 1) und Dianthus carthusianorum (Kartäuser-Nelke, RL HH 1). Die Wiesen-Küchenschelle ist kurz nach dem zweiten Weltkrieg verschwunden, der Echte Wiesenhafer fehlt inzwischen ebenfalls in Boberg. Er wurde aber wahrscheinlich mit Boden im Rahmen der umfangreichen Abbautätigkeit aus dem Gebiet an den Bahndamm südlich der S-Bahn im Bereich des Mittleren Landwegs verschleppt, wo er sich bis heute hält. Vom Blaugrünen Schillergras hält sich ein Restbestand von unter 50 Exemplaren in der Boberger Niederung, lediglich von der Kartäuser-Nelke gibt es hier noch größere Bestände, die aber zu erheblichen Anteilen auf Nachpflanzungen des Naturschutzamtes zurückgehen.
Hauptursachen für die Bestandsrückgänge sieht H.-U. Höller in der Sukzession und der damit verbundenen Wiederbewaldung des Gebietes, der Bebauung wertvoller Teilbereiche oder den damit verbundenen Veränderungen z. B. des Wasserhaushalts sowie in den Stickstoffeinträgen aus der Luft als Folge von Luftverunreinigung.


Dr. Hans-Helmut Poppendieck, Hamburg, stellte die Ergebnisse der Boberg-Kartierung des Botanischen Vereins zu Hamburg aus dem Jahr 1999 vor. Zu Beginn seines Vortrags wies er darauf hin, dass oligotrophe, kalkhaltige Kleinseggenrasen, Heideweiher, Magerrasen und thermophile Säume diejenigen Biotope sind oder waren, in denen besonders viele in Hamburg ausgestorbene Pflanzenarten vorkamen. Weiter verdeutlichte er, dass die Boberger Orchideenvorkommen relativ jung sind. So ist zum Beispiel Epipactis palustris (Echte Sumpfwurz, RL HH 1) erst nach 1950 in dieses Gebiet auf natürlichem Wege eingewandert.
Bei den Kartierungen im Jahr 1999 wurden von einigen der Boberger Besonderheiten neue Fundorte oder bislang nicht bekannte größere Vorkommen entdeckt. Besonders hervorzuheben ist als Ergebnis dieser Exkursionen der Neun und von vier (!) Seggenarten für das Boberger Gebiet: Carex echinata (Stern-Segge, RL HH 2), Carexpseudobrizoides (Reichenbachs-Segge, RL HH o.A.), Carexpal!escens (Bleiche Segge RL HH 1) und Carex brizoides (Zittergras-Segge, RL HH 1, entdeckt durch Ingo Brandt, Hamburg). An diesen Funden zeige sich, so Dr. H-H. Poppendieck, ebenso wie am Wiederfund von Gentianella campestris (Batischer Enzian, RL HH 0) im Jahr 1997 (ELVERS & JAHN 1998) das hohe ökologische Potenzial der Boberger Niederung. Obwohl eines der von Botanikern meistbesuchten Gebiete Hamburgs, ist es doch immer wieder Fundort verschollen geglaubter Pflanzenarten.


Thomas Engel, Karlsruhe, hat im Rahmen seiner Diplomarbeit (ENGEL 1999) floristisch-vegetationskundliche Untersuchungen auf Orchideenstandorten im Osten der Boberger Niederung durchgeführt, bei denen er den Fragen von Schutz, Pflege und Entwicklung besondere Bedeutung einräumte. In seinen Darstellungen zur jüngeren Geschichte der von ihm untersuchten Flächen veranschaulichte er eindrucksvoll die starke Zunahme des Waldanteils und der damit verbundenen Beschattung. Beispielhaft wies er in seiner Untersuchung nach, dass Dactylorrhiza majalis (Breitblättriges Knabenkraut, RL HH 2) in Boberg den Schwerpunkt seiner Vorkommen im Bereich mittlerer Störungsintensität hat, also besonders häufig im Randbereich der Trampelpfade und an ähnlichen Stellen wächst. Auch viele andere seltene Pflanzen und Pflanzengesellschaften der Orchideenterrassen sind in der ein oder anderen Form auf Eingriffe und Störungen angewiesen. Zulassen von Tritt, Mahd, Beweidung und die Entfernung von Gehölzen sind die wichtigsten der von ihm vorgeschlagenen Maßnahmen, die er für die einzelnen Bestände in seiner Arbeit noch genauer differenziert hat.


Petra Fischer, Göttingen, berichtete in ihrem Referat über die Erfahrungen und Pläne zum Management der Dünen-Trockenrasen im Biosphärenreservat "Flusslandschaft Elbe". Auch die Dünen im mittleren Elbtal waren nacheiszeitlich bewaldet, wurden jedoch schon früh durch menschliche Aktivitäten wieder baumfrei. Im 19. Jahrhundert wurden viele Gebiete mit Kiefern aufgeforstet. Entscheidend für die Veränderung der Dünenvegetation war jedoch ein anderes Ereignis vor ca. 150 Jahren: Der Zusammenbruch des Wollpreises führte dazu, dass die Schafhaltung und -beweidung in ganz Deutschland stark zurückging. Calamagrostis epigejos (Landreitgras) und Arrhenatherum elatius (Glatthafer) breiteten sich auf den nicht mehr beweideten Dünen aus. Diese Entwicklung ist auch auf Dünen, die erst nach der Wiedervereinigung nicht mehr beweidet wurden, bereits deutlich zu erkennen.
Als Pflegemaßnahmen für Stromtaldünen schlägt P. Fischer die Beweidung in Anlehnung an die historische Nutzung vor: Am besten als Schaf-/Ziegenbeweidung, eventuell auch mit Rindern in Mutter-Kuh-Haltung. Dabei brauchen bei entsprechend extensiver Beweidung auch die als trittempfindlich geltenden Flechtenfluren nicht eingezäunt werden. Für die Bekämpfung des Landreitgrases hält sie eine Mahd vor der Beweidung für eine sinnvolle flankierende Maßnahme.


Matthias Braun, Dummersdorf, stellte die Erfahrungen mit einem Beweidungskonzept auf Trocken- und Magerrasen am Dummersdorfer Ufer bei Lübeck vor. Auch dieses Gebiet war bis ca. 1950 mit Ziegen und Schafen beweidet worden. Danach weideten Rinder auf den Flächen oder sie wurden der Sukzession überlassen. Beides führte zu einem Rückgang besonders seltener und gefährdeter Pflanzenarten. Der Wiederbeginn der Beweidung mit Schafen und Ziegen konnte diesen Trend stoppen und umkehren. Durch das nächtliche und teilweise auch mittägliche Koppeln der Tiere wurde eine Aushagerung der Flächen erreicht, weil so die im Kot enthaltenen Nährstoffe zumindest teilweise aus den Flächen heraus gelangten. Für die Aushagerung der Standorte erwies sich die Frühjahrsbeweidung als besonders effektiv. Die im Gebiet vorkommenden Wildkaninchen haben ebenfalls einen positiven Effekt: Sie schaffen durch ihre Grabtätigkeit Stellen mit Rohboden, auf denen extrem seltene Pionierarten wie Medicago minima (Zwerg-Schneckenklee, RL SH 1) immer wieder Lebensräume finden.


Christian Michaczyk, Hamburg, stellte die Bedeutung der Boberger Niederung im Lichte der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie dar. In Boberg sind nur 40 von insgesamt ca. 350 Hektar NSG-Fläche als FFH-Gebiet gemeldet worden. Dabei handelt es sich um die Düne und die angrenzenden Heidegebiete sowie Silber- und Borstgrasrasen. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Blauschillergrasrasen, der nach FFH-Richtlinie als prioritär zu schützender Biotop gilt. In Boberg gibt es nur noch einen kleinen Restbestand, obwohl gerade Koeleria glauca neben Agrostis stricta noch 1934 hier ein verbreitetes Gras der Trockenrasen und Hänge war (HÖLLER 1998).
Die Anmeldung von Teilen der Boberger Niederung als FFH-Gebiet wird zur Folge haben, dass die Verordnung geprüft werden muss, inwieweit sie den Zielen der FFH-Richtlinie entspricht. In Zukunft werden spezielle Managementpläne erstellt werden (Pflege- und Entwicklungspläne), ein Monitoring zur Entwicklung der Flächen wird durchgeführt werden und in Abständen von sechs Jahren muss ein Bericht an die Europäische Union zum Zustand des Gebietes erstellt werden. Sowohl Management als auch Monitoring und Bericht werden die stark pflegeabhängigen gemeldeten Biotope in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen.


Dr. Holger Kurz, Hamburg, informierte über die aktuellen Diskussionen bei der kürzlich stattgefundenen Tagung der Gesellschaft für Ökologie und stellte seine Überlegungen zur Pflege der 0ffenbiotope in Boberg dar. Zusätzlich zur Beweidung, Mahd und Gehölzentfernung brachte H. Kurz das künstliche Herstellen von Bodenanrissen, das Abschieben von Boden mit Maschinen, ins Gespräch. Für den Rückgang seltener und gefährdeter Pflanzenarten machte er auch fehlende Vektoren für die Verbreitung und den genetischen Austausch verantwortlich. Diese Vektoren seien im Boberger Gebiet früher die Überschwemmung durch das Hochwasser der Elbe sowie die Wanderschäferei gewesen.



In der Abschlußdiskussion zeichnete sich ein breiter Konsens dafür ab, die 0ffenlandbiotope der Boberger Niederung zu erhalten. Dies erscheint besonders wichtig und sinnvoll, weil gerade die Biotope, die zur Anmeldung als FFH-Gebiet geführt haben, in der einen oder anderen Form von Pflegemaßnahmen abhängig sind, wenn man sie längerfristig im Gebiet erhalten will. Die Mehrheit der Anwesenden befürwortete zu diesem Zweck neben den traditionellen Maßnahmen auch den Einsatz von gehüteten Schafen und Ziegen. Für einen Erfolg erscheint wesentlich, dass dies durch qualifizierte und erfahrene Schäfer/innen mit einer gehüteten Herde anspruchsloser Schaf- und / oder Ziegenrassen geschieht, die mit dem eiweißarmen Futter, das das NSG bietet, zurechtkommen. Diese Beweidung kann zunächst für fünf Jahre befristet sein, um sie bei negativen Ergebnissen wieder abzubrechen. Auch müssen nicht alle Flächen von vornherein einbezogen werden, Gerade um die Entwicklung beurteilen zu können, sind auch nicht beweidete Flächen für den Vergleich wichtig. Kartierungen sollten ohnehin den Effekt der Beweidung dokumentieren.


Im Rahmen der Diskussion wurde mehrfach auf den im Vergleich zur Flora sehr viel schlechteren oder veralteten Kenntnisstand der Fauna der Boberger Niederung hingewiesen. Die letzten umfangreicheren faunistischen Untersuchungen stammen aus den 80er Jahren. Um überhaupt vernünftige Maßnahmen für die Fauna durchführen und begründen zu können, sollten deshalb unbedingt in den nächsten Jahren Untersuchungen zu naturschutzrelevanten Tiergruppen durchgeführt werden. Andere Maßnahmen wie der Einsatz von Feuer oder der Einsatz von schwerem Gerät zur Schaffung von Bodenanrissen wurden kritischer betrachtet, sowohl unter dem Aspekt der Akzeptanz bei den Besucher/innen als auch in ihrem Effekt auf Arten und Lebensgemeinschaften. Kleinräumig war vielen jedoch auch ein Experimentieren mit Bodenverletzungen vorstellbar.


Eine Exkursion zu den Orchideenterrassen im Osten des Gebietes und besonders zur Rodelbahn beendeten den ereignisreichen Tag. Hier stellte T. Engel nochmals wesentliche Ergebnisse seiner Diplomarbeit den Anwesenden im Gelände vor.


Literatur:

  • ELVERS, K. & A. JAHN (1998): Wiederfund des Baltischen Enzians in der Boberger Niederung nach 90 Jahren. Berichte des Botanischen Vereins zu Hamburg 18: 61-64.
  • ENGEL, T. (1999): Floristisch- vegetationskundliche Untersuchungen im Naturschutzgebiet "Boberger Niederung" im Hinblick auf Schutz, Pflege und Entwicklung. Unveröffentlichte Diplomarbeit im Fachbereich Geoökologie an der Universität Karlsruhe.
  • HÖLLER, H.-U. (1998): Gedanken zur Geschichte der Vegetation des NSG "Boberger Niederung". Berichte des Botanischen Vereins zu Hamburg 18: 54-60.
  • MIERWALD, U. & J. BELLER (1990): Rote Liste der Farn- und Blütenpflanzen Schleswig-Holsteins, 3. Fassung, Stand: September 1990. Landesamt für Naturschutz und Landschaftspflege Schleswig-Holstein, Flintbek.
  • POPPENDIECK, H.-H., H. W. KALLEN, 1. BRANDT & J. RINGENBERG (1988): Rote Liste und Florenliste der Farn- und Blütenpflanzen von Hamburg. Freie und Hansestadt Hamburg. Naturschutz und Landschaftspflege in Hamburg. Schriftenreihe der Umweltbehörde 48.

 


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Wartung und Pflege HM  *  Letzte Änderung am 07.04.2006