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Brutnachweis für den Wachtelkönig (Crex crex)

 

im Naturschutzgebiet "Boberger Niederung", Hamburg (veröffentlicht in: Hamburger avifaunistische Beiträge 29: 159-162)


Der Wachtelkönig ist eine der wenigen weltweit gefährdeten Brutvogelarten Mitteleuropas und aus diesem Grund unter anderem nach der Flora-Fauna-Habitat (kurz: FFH)-Richtlinie, EG-weit besonders geschützt. Nach dieser Richtlinie und nach der Berner Artenschutzkommission müssen die für den Wachtelkönig wesentlichen Gebiete als Schutzgebiete ausgewiesen und ein geeignetes Management dieser Flächen gewährleistet werden (vgl. HERKENRATH 1997).
Aufgrund seiner heimlichen Lebensweise ist über die Brutbiologie und das Verhalten des Wachtelkönigs noch vieles unbekannt. Seit einigen Jahren arbeitet eine internationale Forschergruppe daran, Wissenslücken zu schließen und hat in diesem Zusammenhang bereits ein internationales Schutzprogramm für den Wachtelkönig vorgelegt (CROCKFORD et al. 1997).
Die Vorkommen des in Hamburg vom Aussterben bedrohten Wachtelkönigs befinden sich vor allem in der Süderelbmarsch, die Vorkommen im Osten Hamburgs (Vier- und Marschlande) gelten seit längerem als erloschen (GARTHE & MITSCHKE 1992).
Im folgenden soll über ein neues oder bisher unbekanntes Hamburger Brutvorkommen im Osten Hamburgs berichtet und dargestellt werden, wie ein sonst für diese Art nur schwer zu erbringender Brutnachweis im NSG "Boberger Niederung" gelang.


 

Gebiet

Das NSG "Boberger Niederung" befindet sich im Osten Hamburgs und hat eine Größe von ca. 350 ha. Im Westteil des Gebietes befinden sich einige Grünlandparzellen, die ca. 33 ha großen Havighorster Wiesen, die westlich von der Autobahn A1, südlich von der Bille und nördlich von der ehemaligen Mülldeponie Havighorster Moor begrenzt werden. Im Osten wird der Bereich durch den Boberger Badesee und den Segelflugplatz begrenzt.
Die Havighorster Wiesen zeigten im Frühjahr 1997 einen hohen Wasserstand, der dazu führte, dass die Vegetation zwar hoch war, aber eine geringe Halmdichte aufwies. Gräben mit Altschilf, Weidengebüsch und Hecken durchziehen das Gebiet.


Besiedlung, rufende Männchen

Bereits 1994 hatte G. RASTIG, Hamburg, in den oben beschriebenen Wiesen zwei rufende Männchen festgestellt. Aus den Jahren 1995 und 1996 fehlen Informationen über des Vorkommen der Art im Gebiet.
Vom 21.5. bis zum 6.6.1997 rief auf einer Ackerbrache der Boberger Niederung ein Wachtelkönig-Männchen (G. RASTIG, A. JAHN). Ab dem 19.5. ruft in dem oben beschriebenen Grünlandgebiet östlich der A1 ein und ab dem 30.5. zwei Wachtelkönige, am 6.6., am 25.6. und am 28.6. sind sogar drei rufende Männchen an dieser Stelle zu hören. Auch bei späteren Begehungen rufen dort immer wieder Wachtelkönige, sogar am Abend vor der Mahd, dem 14.7., hört G. RASTIG dort noch ein rufendes Exemplar. Der Rufer in der Brachfläche verstummte dagegen Anfang Juni und hat dieses Biotop vermutlich verlassen.


Nachweis der Brut

Der Landwirt G. SOLTAU, der das Grünland bewirtschaftet, in dem die rufenden Wachtelkönige festgestellt wurden, darf dies aufgrund von Auflagen durch die Umweltbehörde erst nach dem 1.Juli mähen. Da Anfang Juli 1997 eine Schlechtwetterperiode vorherrschte, mähte er erst zwischen dem 15. und dem 18.7. die dortigen Wiesen. Dabei beobachtete er in größerer Zahl ihm unbekannte, wachtel- oder rebhuhnähnliche Vögel. Bei einem Besuch im Naturschutz-Infohaus Boberger Niederung identifizierte Herr SOLTAU anhand von Abbildungen die beobachteten Vögel einwandfrei als Dunenjunge, juvenile und adelte Wachtelkönige. Im einzelnen teilte er mit, er habe eine geführte Gruppe von ca. 12 Dunenjungen gesehen, die er als schwarz, sehr klein und langbeinig beschrieb. Eine größere Zahl juveniler Vögel und ein adultes mutmaßliches Männchen habe er ebenfalls festgestellt. Die Vögel seien vor den Mähmaschinen davongelaufen und hätten sich in angrenzendes Weideland, in Gräben oder Heckenstreifen retten können. Weil er die Vögel nicht kannte, habe er einen der juvenilen Vögel sogar mit der Hand gefangen, um ihn sich genau anzusehen.
Die Schilderungen lassen keinen Zweifel daran, dass es sich bei den beobachteten Vögeln um Wachtelkönige handelt. Während die juvenilen Vögel vermutlich aus zwei bis drei Erstbruten stammen, könnten die Dunenjungen aus einer zum Beispiel durch Störungen am Nest oder Gelegeverlust der ersten Brut verursachten Ersatzbrut stammen (vgl. BRAAKSMA & VAN DER STRATEN 1973).


Diskussion und Bewertung

Der Aufmerksamkeit dieses Landwirts ist es zu verdanken, dass ein einwandfreier Brutnachweis möglich wurde. Die hohe Zahl der beobachteten Vögel verdeutlicht, wie schnell und erfolgreich neu entstehende Habitate besiedelt werden können und welch hohe Bedeutung auch kleine Rufgruppen (maximal 3-4 rufende Männchen) unter bestimmten Bedingungen für den Bestand dieser auch in Hamburg vom Aussterben bedrohten Art haben können.
Auf die Möglichkeit des Brutnachweises bei der Mahd von Grünland haben bereits verschiedene Autoren hingewiesen (vgl. SCHÄFFER 1994). Auch in Hamburg wurde für das NSG "Duvenstedter Brook" auf diese Art bereits ein Brutnachweis erbracht (DEPKE & WESOLOWSKI 1996), als ein Mitarbeiter des Forstamtes bei der Mahd einer Fläche zufällig einen Altvogel mit zwei Jungvögeln feststellte.


Schlussfolgerungen

Wo immer rufende Wachtelkönige in Hamburg Über einen längeren Zeitraum aus Grünland verhärt werden, sollte mit dem bewirtschaftenden Landwirt Kontakt aufgenommen werden. Ziel sollte es dabei sein, ein geeignetes Management der Bewirtschaftung zu erreichen. Zur Erfolgskontrolle der Maßnahmen wäre es ausgesprochen wünschenswert, dass ein Ornithologe bei der ersten Mahd der Flächen zugegen ist, um auf Jungvögel zu achten und den Mähvorgang falls notwendig so zu gestalten, dass Jungvögel auch nach der Mahd noch eine Überlebenschance haben. Entscheidend ist neben dem Zeitpunkt der Mahd und ihrer flächenhaften Ausdehnung wohl vor allem die Geschwindigkeit des Mähfahrzeugs (SCHÄFFER 1994, GREEN et al. 1997). Auch das Aussparen bestimmter Bereiche, um den Jungvögeln Deckung zu lassen, ist sinnvoll. SCHÄFFER & WEISSER (1996) schlagen vor, in Wachtelkönig-Brutgebieten einzelne Streifen bereits ca. vier Wochen vor der allgemeinen Mahd zu mähen. Dies soll dazu führen, dass die Jungen und die durch die Handschwingenmauser zeitweise flugunfähigen Altvögel in diesen, inzwischen wieder aufgewachsenen Streifen bei der Mahd der restlichen Fläche Deckung finden. Im Übrigen sollte die Mahd möglichst von innen nach außen stattfinden. Der Naturschutz sollte sich um einen Ausgleich für zusätzlich entstehende Kosten zum Beispiel im Rahmen der Extensivierungsförderung bemühen, um so die Landwirte für den zusätzlichen Aufwand zu entschädigen.


Literatur:

  • BRAAKSMA, S. & J. VAN DER STRAATEN (1973): Crex crex - Wachtelkönig, Wiesenralle. In: GLUTZ VON BLOTZHEIM, U.N. (Hrsg.): Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Bd. 5: 444-468. Akad. Verlagsges. Frankfurt/M.
  • CROCKFORD, N. J., R. E. GREEN, G. ROCAMORA, N. SCHÄFFER, T. J. STOWE & G. M. WILLIAMS (1997): A summary of the European Action Plan for the Corncrake Crex crex . Vogelwelt 118: 169-173.
  • DEPKE, I. & K. WESOLOWSKI (1996): Ornithologischer Jahresbericht für den Duvenstedter Brook 1996. Arbeitskreis Walddärfer. Jahresbericht 1996. Hamburg.
  • GARTHE, S. & A. MITSCHKE (1992): Artenhilfsprogramm und Rote Liste der gefährdeten Brutvögel in Hamburg. Natursch. Landschaftspfl. in Hamburg 41. Umweltbehörde. Hamburg.
  • R. E. GREEN, G. ROCAMORA & N. SCHÄFFER (1997): Populations, ecology, and threats to the Corncrake Crex crex in Europe. Vogelwelt 118: 117-134.
  • HERKENRATH, P. (1997): Der Wachtelkönig Crex crex im Paragraphendschungel - Gesetzliche Grundlagen des Wachtelkönigschutzes in Deutschland. Vogelwelt 118: 157-159.
  • SCHÄFFER, N. & W.W.WEISSER (1996): Modell für den Schutz des Wachtelkönigs Crex crex. J. Orn. 137: 53-75.
  • SCHÄFFER, N. (1994): Methoden zum Nachweis von Bruten des Wachtelkönigs Crex crex. Vogelwelt 115: 69-73.

von Axel Jahn

 


© Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung Loki Schmidt
Wartung und Pflege HM  *  Letzte Änderung am 07.04.2006